Tuesday, May 1, 2012

Die Reform des Islam? - ein Vergleich zwischen Orient und Okzident

Zum Artikel
In unserer Universitätsbibliothek sah ich neulich ein interessantes Buch, dessen Autor die These vertritt, dass die europäischen Muslime einen grundlegenden Wandel bräuchten. Interessant fand ich jedoch, dass dieses auch die heutigen Probleme der europäisch-muslimischen Minderheit aufgriff. Diese These war nichts Neues für mich, da man selbst in vielen Kreisen in der Politik immer wieder hört, dass der Islam eine Reform brauche. Das nicht zuletzt auch durch den Orientalismus begünstigte Überlegenheitsgefühl dieser Kreise und ihre Versuche eines Paradigmenvergleichs zwischen der islamischen und der europäischen Welt ist im wahrsten Sinne des Wortes populistischer Natur und das Resultat unaufgeklärter Köpfe. Zu unterscheiden ist hier jedoch, ob diese Reform politischer, gesellschaftlicher, moralischer oder wissenschaftlicher Natur sein soll. Mit der Überlegung, dass die Offenheit zum wissenschaftlichen Forschen die Grundlage für gesellschaftspolitischen Wandel bereitstellt, versucht dieser Artikel erst mal kurz zwei völlig unterschiedliche Geographien und ihre jeweilige Haltung gegenüber der Koexistenz zwischen Religion und Wissenschaft historisch, gesellschaftspolitisch und teilweise theologisch zu vergleichen.
Das Christentum hat im Mittelalter Konfrontationen und dialektische Konflikte mit der Wissenschaft und dem freiheitlich rationalen Denken dulden müssen. Die Katholische Kirche reduzierte die Religion auf die Liebe und betrachtete die Natur fortan als einen Schleier, der den Menschen von Gott trennt, vertrat vielmehr das geistige Wesen des menschlichen Seins und schottete sich von der materiellen Welt ab.1 Die Suche des Westens nach dem „Besseren“ bzw. das Streben nach der Perfektion brachte viele politische, kulturelle und religiöse Reformbewegungen wie den Pietismus, die Reformation, den Puritanismus, sowie geistige Emanzipationen in den Köpfen der Menschen wie den Protestantismus Webers, den „religious doubt“, die Aufklärung oder den kartesianischen Dualismus Descartes’ hervor. Dieser Prozess wurde durch den Machtverlust von Auferlegung, Dogma und Druck gegen Ende des Mittelalters vereinfacht.
Nach Peter Watson erlebte Europa neben eben jenen Entwicklungen – sei es dem Wandel der Religion, der Sprache, dem öffentlichen Raum oder der Stellung Europas als politische Macht – den wichtigsten Wandel überhaupt seit dem Advent des Christentums: das religiöse Zweifeln.2
Das europäische Revolutionszeitalter war nicht zuletzt ein Aufstand gegen den psychischen und politischen Druck der katholischen Kirche (die Inquisition, den Despotismus der Könige und Feudalherren, die Verfolgung, bis hin zur Exekution von Wissenschaftlern).
Während das europäische Abendland nach dem 5. Jh. allmählich in ein dunkles Zeitalter fiel, erlebte der Orient seine Blütezeit. Doch mit der Aufklärung und besonders durch das dualistisch-rationale Paradigma wurde dem Verstand auf Kosten der christlich-moralischen Tugenden, ethischen Werte und Spiritualität neue Räume freigegeben. Der revolutionäre Eifer an (auf Rationalität basierendem) wissenschaftlichem Fortschritt war zweifellos das extreme Gegenstück zum finsteren Mittelalter. Der Okzident hatte nun eine neue Religion, die des Humanismus, sagt Cemil Meric. Der moderne Mensch wurde zu einem „sturen, eigensinnigen, egoistischen Menschen, der einzig und allein darauf ist, seine materiellen und fleischlichen Gelüste zu befriedigen und seine persönlichen oder bestimmte nationale Interessen, die zufällig mit seinen eigenen übereinstimmen, durchzusetzen.“, so Ali Ünal3. Der Erste und Zweite Weltkrieg, der Kolonialismus, das NS-Regime sowie die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sind nur einige der Erfahrungen, die dieser Prozess mit sich brachte.
Problematisch wird es jedoch dann, den Fall des europäischen Abendlandes, abgesehen von seinen kulturellen, religiösen und gesellschaftlichen Hintergründen auf die islamische Welt zu übertragen und von ihr dieselben strukturellen Gesellschaftsentwicklungen zu erwarten, um ihr auf einer Augenhöhe zu begegnen. Denn der Islam hat in der Zeit des europäischen Mittelalters die Menschen erst recht zum Forschen angeregt. Doch wie war diese religiös-wissenschaftliche Koexistenz möglich?
Wichtig hierbei ist, das Verhältnis zwischen dem Universum, dem Menschen und dem Koran aus islamischer Perspektive zu betrachten. Gott habe mit dem Menschen ein Lebewesen erschaffen, der dazu in der Lage ist, seine Attribute („al-Esma al-Husna, die 99 Namen und Attribute Allahs im Koran) zu widerspiegeln. Zu jenen gehören „der Allwissende“, „der Sprechende“ oder „der Wollende“. Gott manifestiere seine Eigenschaften auf diesen drei Bereichen. Insofern seien das Universum, der Mensch bzw. das gesellschaftliche Leben und der Koran, das Wort Gottes, Ausdrücke ein und derselben Wahrheit. Daher beständen prinzipiell kein Widerspruch und keine Unvereinbarkeit zwischen den Wahrheiten des Korans (der Gottes Attribut „Sprache“ entstammt) und den Wahrheiten, die dem objektiven Studium seines Gegenstücks, des erschaffenen Universums, entspringen (das aus seinen Attributen „Kraft“ und „Wille“ hervorgeht). Das „Buch der Offenbarung“ (der Koran) und das „Buch der Schöpfung“ (die Natur) sollten zeitgleich gelesen werden. Eben aus diesem Grund waren viele muslimische Philosophen und Wissenschaftler des späten Mittelalters wie Al-Khawarizmis (Algorithmus der Mathematik), Al-Farabi, Ibn Sina, Ibn al-Haytham, Al-Biruni, Al-Ghazali zugleich auch Mystiker, Sufiker oder Theologen.4 Das Zusammenwirken des Verstandes, der Vernunft und des Herzens und ihre Integrität ist hier essentiell. Der Mensch soll diese Attribute Gottes erkennen, seine eigenen Antriebskräfte wie Verlangen, Zorn und Verstand disziplinieren und durch Selbstkritik, Bittgebete, den Rezitationen der Namen Gottes, Beharrlichkeit, Geduld, Dankbarkeit seinem Schöpfer dienen. Gemäß den sozioökonomischen Grundsätzen des Islam soll der Mensch Konfrontation, Korruption, Anarchie und Terror vermeiden und somit in dieser und in der kommenden Welt sein Glück finden. Hier finden sich zweifelsohne auch die Grundlagen für demokratische und menschenrechtliche Werte wieder. Ich möchte nicht noch tiefer in die theologische Erörterung der Stellung der Wissenschaft im Islam eingehen; dies würde den Rahmen des Artikels sprengen.
Dem Leser wird auffallen, dass die Idee, Religion und Wissenschaft gälten als zwei im Widerspruch zueinanderstehende Disziplinen, der Haltung des Abendlandes zu Religion und Wissenschaft zu verdanken ist.
Vielleicht mal hierzu ein konkretes Alltagsbeispiel: In Istanbul fand Ende letzten Jahren ein koranwissenschaftliches Symposium statt. Es trug den Titel „Der Koran und wissenschaftliche Tatsachen“.5Das 20. Jahrhundert ist reich an Koranwissenschaftlern, die den Koran mit der Wissenschaft zu vereinen versuchten und somit aktiv für eine Reform im wissenschaftlichen Sinne appellierten; darunter könnte man prominente autoritäre Namen wie Muhammad Abduh, Muhammad Asad oder Said Nursi zählen. Doch interessant ist nun, dass die islamische Welt sich nun auf einer völlig anderen Stufe befindet: Der Koran wird als wissenschaftliche Inspiration für neue Projekte, Experimente und naturwissenschaftliche Arbeit empfunden. „Die Erforschung des naturwissenschaftlichen Wunders des Korans trachtet danach, ausgehend von der göttlichen Botschaft neue wissenschaftliche Erkenntnisse aktiv zu entwickeln”6, schreibt Maximilian Friedler. Das sind zwar mutige und gewagte Versuche, aber es zeigt zweifellos ein starkes Selbstbewusstsein religiös motivierter wissenschaftlicher Kreise in der Türkei, aber auch eine gewisse Motivation.
Was hat dies alles – übertragen auf den Islam in Deutschland – zu bedeuten? Muslime brauchen weder eine Reform noch eine seelische Aufklärung. Muslime brauchen eine neue innermuslimische Debattenkultur. Sie stehen mitten in Europa vor einer großen Herausforderung. Die Entscheidung vor dem Schmelzen oder einer zur Gesellschaft beitragenden Inklusion, die das Wahren der eigenen Identität nicht ausschließt. Themen wie Schwimmunterricht, Liebe, Scheidungsrecht, Partnerwahl, Polygamie, Erbrecht, gesellschaftliche Teilhabe, Leitungsanspruch, Diskriminierung und Gewalt in der Familie, so genannte „Ehrenmorde“ und viele andere Frauen- und Familienfragen sollten offensiv in Vorträgen, Seminaren und Konferenzen aufgegriffen werden und somit eine einheitliche Konsensbildung angestrebt werden. Diese gegenseitige Beratung sollte von – ich betone – muslimischen Theologen, Philosophen und Religionspädagogen geführt werden, um “Islamkritikern” den Wind aus den Segeln zu nehmen und Verschwörungstheorien in Themenbereichen wie “Ehrenmorde” oder “Geschlechterungleichberechtigung” vorzubeugen. Die nichtmuslimische herabschauende, reformerwartende Diskussionsszene in Deutschland hat sich bereits als nicht nützlich erwiesen.


Fatih Ihsan Cicek
Dieser Artikel wurde am 30.April 2012 im Online-Magazin MiGAZIN veröffentlicht.
  1. ZIE-M []
  2. The German Genius – Europe´s third renaissance – the second scientific revolution – and the twentieth century“) []
  3. Ali Ünal, Zeitgenössische Themen im Spiegel des Islam, Fontäne Verlag, 2009 []
  4. Die Fontäne []
  5. Uluslararasi Kuran ve Bilimsel Hakikatler Sempozyumu. Istanbul, 14-15.05. 2011 []
  6. Die Fontäne []

Tuesday, April 10, 2012

Interview with Matt Galloway


In our interview Matt Galloway, broadcaster for the canadian CBC, explains the importance of the media, and its role in reflecting the diversity within the society.

Hello Mr. Galloway, firstly, could you describe yourself and your
work for our readers shortly, please? So, who is Matt Galloway?

My name is Matt Galloway. I'm the host of Metro Morning on the Canadian Broadcasting Corporation, Canada's public broadcaster. Metro Morning is the most listened to radio program in Canada. We are a three hour morning radio show in Toronto, covering topics as broad as politics, sport, culture, entertainment and current affairs. I have been working for CBC for 10 years, hosting many different radio programs.

What is in your opinion the importance of the media? And what is
its impact on social life?

The media is in many ways the glue of society. It tells our stories, provokes and reassures us, holds our public institutions to account and brings us together. In this era of mass online media, with more choices than ever before, it is more important than ever to have media sources we can trust.

Saturday, March 24, 2012

Islamischer Religionsunterricht in NRW - Interview mit Prof. Dr. Bülent Ucar


In unserem Interview geht der Rechtswissenschaftler und Islamischer Religionspädagoge Prof. Dr. Bülent Uçar auf die  und Herausforderungen des Islamischen Religionsunterrichts (IRU) ein. Diese werde, so sagt er, auf die moralischen und ethischen Einstellungen unserer Jugendlichen einwirken und auch zum Extremismus sowie zur Kriminalität tendierende  für die  zurückgewinnen.
Herr Uçar, was wird der islamische Religionsunterricht in NRW bewirken? Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie da?
Zunächst einmal wird der IRU bewirken, dass muslimische Schülerinnen und Schüler in Bezug auf Religionsunterricht nicht mehr benachteiligt werden, da mit der , Islamischen Religionsunterricht grundständig und bekenntnisorientiert einzuführen, keine Sonderbehandlung oder ein Almosen, sondern ein Grundrecht gewährt wird. Mit diesem Recht gehen aber natürlich sowohl Chancen als auch Herausforderungen bzw. Pflichten einher. Die Einführung des IRU bietet der musli­mischen Community die Gelegenheit, ihre Kooperations- und Handlungs­fähigkeit unter Beweis zu stellen. Bekanntlich handelt es sich bei dem Modell in NRW um eine neuerliche Übergangslösung, da ein Beirat gegründet wurde, der die Muslime, welche noch immer nicht als „Religions­gemeinschaft“ im Sinne des Grundgesetzes  anerkannt wurden, in NRW vertreten soll. Die erfolgreiche Implementierung des IRU kann als Bewährungsprobe für die Muslime angesehen werden, an dessen Ende auch eine Anerkennung als Religionsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes steht. 

Friday, February 17, 2012

"The politics of fiction"

'Firarperest' hieß ihr letztes Buch, das ich gelesen hatte. Alt-türkisch titelt Safak ihr Buch. Ob sie damit die Aufmerksamkeit der konservativ-traditionellen Mitte der Gesellschaft gewinnen möchte, sei dahingestellt. Übersetzt heißt es ungefähr "Anbeter der Flucht". Mir hat das Buch jedenfalls gefallen. Safak setzt sich offen für einen Dialog der türkisch-mystischen Tradition des Gelehrten Mawlana Dschalaladdin Rumi und der Moderne ein, aber auch für die Wertschätzung gegenüber den Frauen in der Gesellschaft. Auch wenn ihre Stellung zu einer Emanzipation der Frau in der Türkei in einigen Punkten berechtigt ist, konnte ich mich nicht davor wahren, feministische Untertöne zu spüren. Besonders gefiel mir ihr Ted Talk, bei der sie sich mit der Kraft bzw. der Politik der Fiktion beschäftigt. Eine sehr, meines Erachtens, originelle Perspektive, dass fiktive Geschichten den Lesern die Gelegenheit geben können, Menschen, die sie niemals in ihrem Leben kennenlernen würden, zu verstehen, ihre Gefühle nachzuvollziehen und sich somit auf einer emotionalen Kommunikation mit ihnen zu identifizieren. 


Sunday, January 8, 2012

Thursday, December 8, 2011

Diversität in Unternehmen, in der Verwaltung, in den Medien


Die deutschsprachige Version meines zuvor auf Englisch verfassten Artikels finden Sie hier.

Saturday, December 3, 2011

Toronto as a model for diversity


© Fatih Cicek
I just attended the Diversity-congress in Cologne which was organized by the Maytree Foundation, Bertelsmann and the Ministry of Labour, Social Affairs and Integration (MAIS) of North-Rhine Westfalia. Experts from Canada and different areas presented their immigrant integration practices and projects. I just wanted to make these great projects more public, since I have the opportunity to transfer them to the European societies.


Background
Countries all over the world are struggling with immigration. Canada is certainly one of the countries with the biggest minority population in the world. Actually, the people with immigration background - as the germans say - do not really constitute a minority any more. Toronto has for instance an immigrants ratio of almost 50 per cent. Alan Broadbent, founder and Chairman of the Maytree Foundation said, that Canada wants to see immigrants as assets, not as liabilities, in which they want to invest. The hyper-diversity can not be ignored, he said. 


Labour Market
© Fatih Cicek
Finding a job, finding the right job, is probably the single most critical indicator of successful settlement in integration for an immigrant. Most of them are skilled, have a university degree.  Elizabeth McIsaac presented the TRIEC, an organization, which tries to promote skilled immigrants, to connect skilled immigrants to the right jobs and to hire their qualifications, through mentoring, workshops and finding professional connections and networks for them. 95 per cent of the volunteer mentors said - after the relationship with their mentees - they would offer their immigrant colleagues a job. However, to the question, if they have also projects to promote non-skilled immigrants, McIsaac could not give an answer. "We are not perfect, but we will improve our work in the future" she said.



Education and Media
The Toronto District School Board is the largest school board in Canada, is recognized as one of the most diverse in the world and serves almost 259,000 students. 68 per cent of them are born outside Canada. Its aim is to sustain high levels of excellence for "all" students. 
© Fatih Cicek
What I found quite interesting were the Community and Faith Walks for the teachers. The goal of that was to "support educators in being responsive and relevant in their teaching practices by bridging any gaps between the home, school and community", said Donna Quan. The participants of this program visited places of worship such as mosques, temples, churches and synagogues. It seems that the leaders of TDSB have understood the necessity of the interfaith and intercultural dialogue. These walks effected a lot. The students appreciated their teachers for trying to understand their students faiths and cultures. "They increased trust and faith in our schools. They feel that we care enough to go into their space, instead of them always coming to us, us going to them, is just as important." Hardly surprising! If you ask me, these students represent the global future.
Matt Galloway, a Broadcaster of the Canadian radio channel CBC, struggled for creating  diversity within the media, to integrate the immigrant communities. He tried to change the non-diverse audience into a diverse audience, which did not clash with the reality, that there was a 50 percent visible minority in Toronto. For instance, the CBC broadcasted an interview with a kidnapped girl`s mom in their original language. Of course, you did not have to understand what she said, to get the emotions that were in that voice. This experiment changed the way the city felt.  Since I asked him for an interview, you will read more about him, his projects and the lectures we should draw from them.


Lectures for us
Actually hearing of some of these great ideas draws everyone to think of our policies in Europe, especially in Germany. Giving the immigrants a feeling of being welcomed in our nation should be our main goal. The world is becoming more and more global like a small village. The future lies in the diversity - diversity within the media, the schools, the economic life or in politics. There are already medial projects like the CBC, such as the DIB-Platform, Ebru TV, MiGAZIN or others in Germany. But we need to expand them!